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Lauda über Lauda-Air-Absturz: "Unfall war nichts dagegen"

Veröffentlicht am 20.11.2017 in Formel 1

Niki Lauda über sein schlimmstes Erlebnis: Wie er 1991 inmitten zahlreicher Leichen den Grund für den Lauda-Air-Absturz fand und Boeing die Wahrheit zurückhielt

Die Bild-Zeitung titelte mit "Captain Tod - warum immer die anderen für Niki Lauda" sterben. Und der Sohn des Ex-Rennfahrers, der als Fluglinienboss erneut Karriere machte, wurde in der Schule mit dem Spruch "Liebst du deine Frau nicht mehr, dann schick sie mit der Lauda-Air" gehänselt. Das Lauda-Air-Unglück, das am 26. Mai 1991 in der Nähe von Bangkok 213 Passagieren und zehn Crewmitgliedern das Leben kostete, war für Lauda "das Schlimmste, was ich je erlebt habe", offenbart der Österreicher im Interview mit dem Reporter Graham Bensinger. "Mein Unfall war nichts gegen das, was ich dort gesehen habe."

Lauda ahnte nichts vom Absturz seiner Boeing 767, die von Hongkong mit Zwischenstopp Bangkok auf dem Weg nach Wien war, als er um 21.50 Uhr plötzlich einen Anruf aus der TV-Nachrichtenredaktion des ORF erhielt. "Die Frau meinte, dass sie gerade eine Nachricht erhalten habe, dass eines meiner Flugzeuge nicht weit von Bangkok abgestürzt ist", erinnert sich Lauda, der seine Mitarbeiter sofort aufforderte, mit der "Mozart", so hieß das Flugzeug, Kontakt aufzunehmen. Als Versuche fehlschlugen und erste Unglücksmeldungen auch in der Lauda-Air-Zentrale eingingen, wurde Lauda langsam bewusst, dass sich eine Katastrophe ereignet haben muss.

"Ich bin noch am Abend ins Büro gefahren, und wir haben uns alle zusammengesetzt", erzählt Lauda. "Wir waren ja alle noch nie mit sowas konfrontiert und haben einen Plan erstellt." Die Herangehensweise des Wieners, die komplette Kommunikation als Firmenchef persönlich zu übernehmen, gilt bis heute als Musterbeispiel in Sachen Krisenmanagement.

Wie Lauda das Grauen an der Absturzstelle erlebte

Doch wie ging Lauda tatsächlich vor? "Ich bin am nächsten Tag dorthin geflogen, und die Behörden haben schon auf mich gewartet", verweist er auf seine sofortige Reise nach Thailand. Zuerst wurde er mit dem Hubschrauber in die Nähe der Unfallstelle an der Grenze zu Burma gebracht. Dann ging es mit dem Auto in die gebirgige Region, in die der Hubschrauber nicht vordringen konnte.

"Ich habe aus dem Fenster geschaut und etwas Weißes auf dem Boden gesehen. Das sah aus wie Servietten. Ich habe mich gefragt: Warum sind da Servietten?", schildert Lauda seine ersten Eindrücke. Tatsächlich handelte es sich um Servietten aus dem Flugzeug. "Und je näher wir der Absturzstelle kamen, desto größer waren die Trümmer des Flugzeugs, die über fünf Kilometer verteilt waren."

An der Unglücksstelle angelangt, bot sich Lauda in Bild des Grauens. "Es war ein furchtbares Durcheinander. Ich habe gesehen, wie die Einheimischen Ringe und Schmuck von den im Dschungel liegenden toten Körpern sammelten. Überall waren Gepäckstücke, Handtaschen vom Flugpersonal, das ich ja gekannt habe. Es war furchtbar. Ich werde diesen Anblick nie vergessen."

Lauda erkannte Schubumkehr-Defekt im Dschungel

Dennoch bemühte sich Lauda, der einen Flugzeugunglück-erfahrenen Boeing-Vertreter aus Wien an seiner Seite hatte, sofort darum, die Ursache für die Katastrophe herauszufinden. Als die beiden den Rumpf und die zwei Kilometer voneinander entfernt liegenden Triebwerke fanden, fiel Lauda auf, dass bei einem Triebwerk die Schubumkehr ausgefahren war, während dies beim anderen nicht der Fall war. Lauda fragte nach, ob man daraus irgendwas ableiten könne, doch der Boeing-Vertreter schüttelte laut dem Ex-Rennfahrer den Kopf: "Er meinte, dass ich mir darüber keine Gedanken machen sollte, denn das Teil ist aus 28.000 Fuß abgestürzt. Wenn das auf den Boden aufprallt, könnte so etwas passieren."

Trotz der negativen Antwort gingen die Bilder Laudas an der Unglücksstelle um die Welt. Der damals 42-Jährige entschied sich weiter zu einer proaktiven Herangehensweise. "Ich wurde jeden Tag rund 15 Mal von den Hinterbliebenen der Opfer angerufen und jedes Mal mit der gleichen Frage konfrontiert: Herr Lauda, warum?", erzählt der dreimalige Formel-1-Weltmeister.

"Mir wurde sofort klar, was für diese Leute in all der Trauer um den Verlust eines Kindes oder Ehepartners am wichtigsten ist: Ihnen den Grund zu nennen", sagt er. Durch diese Erkenntnis habe Lauda seine Bemühungen noch einmal verschärft, auch wenn das in letzter Konsequenz das Ende seiner Karriere als Fluglinienboss hätte bedeuten können: "Ich habe gesagt: Wenn es in der Verantwortung von Lauda-Air liegt, dass dieses Flugzeug abgestürzt ist, dann muss ich sofort zurücktreten, weil ich offenbar nicht in der Lage war, ein Flugzeug auf sichere Art und Weise von A nach B fliegen zu lassen."

Ursache kam erst acht Monate nach Unglück ans Tageslicht

Und tatsächlich sah es zunächst so aus, als hätte der Fehler im Bereich der Piloten gelegen. Doch dann nahmen die Ereignisse eine überraschende Wende. "Ich musste zu einem Begräbnis in Bangkok reisen, bei dem die letzten 23 Opfer in einem Massengrab begraben wurden, weil sie nicht identifiziert werden konnten", erzählt Lauda. Dort musste er mitansehen, wie ein Kleinkind Muscheln vom gemeinsamen Tauchurlaub mit den Eltern ins Grab warf. Plötzlich läutete das Telefon: "Ich erhielt einen Anruf von Boeing, dass ich von Bangkok direkt nach Seattle fliegen sollte, weil sie angeblich die Ursache gefunden hatten."

Auf einem Prüfstand hatte Boeing nach acht Monaten erkannt, dass es tatsächlich die Schubumkehr war, die eigentlich nur nach der Landung zur Bremsung aktiviert werden sollte. Doch diesmal geschah es beim Steigflug in 7.500 Metern Höhe, was katastrophale Folgen hatte. Boeing hatte laut Lauda herausgefunden, "dass beim Schubumkehrsystem ein O-Ring aus einem Ventil gefallen war, wodurch das Schubumkehrsystem ausgefahren wurde, was während des Fluges eigentlich nicht passieren kann." Die Ursache war also ein Konstruktionsfehler.

Lauda spielte die Situation sofort in den USA im Simulator durch, hatte aber wie die erfahrenen Piloten keine Chance. "Da ich ja Pilot war, kannte ich mich mit all diesen Dingen aus. Als der Fehler passierte, drehte sich das Flugzeug auf den Rücken und stürzte ab", beschreibt Lauda seine Erfahrungen, die für ihn die Situation endgültig aufklärten.

Angst vor Klagen: Boeing wollte Ursache zurückhalten

Doch bei Boeing stieß er zunächst auf Widerstand: "Sie meinten: Herr Lauda, das ist alles nicht so einfach. Wir müssen uns jetzt mit allen Anwälten anschauen, welche Erklärung wir abgeben". Das würde ein paar Monate dauern. Man wisse zwar jetzt den Grund, müsse aber "sicherstellen, dass wir nicht riskieren, verklagt zu werden." Es gehe um "die richtige Formulierung".

Doch damit gab sich Lauda, der als Verantwortlicher seiner Fluglinie in der Öffentlichkeit nach wie vor als Schuldiger dastand, laut eigenen Angaben nicht zufrieden und setzte Boeing mit folgender Aufforderung unter Druck: "Startet mit einer 767 und zwei Piloten und probiert das Schubumkehrsystem auf 28.000 Fuß aus. Wenn nichts passiert, dann möchte ich beim nächsten Flug dabei sein und mir das selbst anschauen."

Als die Boeing-Bosse meinten, das könne Lauda nicht verlangen, forderte dieser eine sofortige Pressemitteilung. Mit Erfolg: "Sie haben noch am selben Tag die Ursache für den Unfall bekanntgegeben und das erklärt, denn ich habe ihnen gesagt, dass diese Leute eine Antwort brauchen und verständlich kommuniziert werden muss, warum all diese Leute getötet wurden. Und das ist eure Verantwortung, das mitzuteilen."

Wäre es in seiner Verantwortung gelegen, hätte er laut eigenen Angaben genauso gehandelt. "Natürlich hätte es auch unser Fehler sein können, aber ich habe ab dem ersten Tag gepusht, ganz egal, wessen Fehler es war. Ich wollte es einfach wissen."

Bild © LAT
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